30.10.

30. Oktober 2012, 20:15 Uhr

Olaf Müller (Berlin). Verzichten oder Zahlen: Unsere Pflichten beim Klimaproblem

Reihe: Ringvorlesung: Zukunftsprojekt Erde – Globalisierung, Technisierung und Gerechtigkeit gegenüber Mensch und Natur

Zeit
30. Oktober 2012, 20:15 Uhr
Erstes Problem: Wie müsste eine faire Lösung des Klimaproblems aussehen? Wie sollten wir Pflichten und finanzielle Lasten der nötigen CO2-Reduktionen verteilen, wenn es dabei gerecht zugehen soll? Wie sähe ein ethisch plausibles Nachfolge-Regime des Kyoto-Vertrags aus? Um dieses Problem zu lösen, versetze ich mich gedanklich in den Boss einer Weltregierung und stütze mich auf einen Grundsatz, den Angela Merkel vor Ausbruch der Finanzkrise formuliert hat: Jeder Mensch hat das Recht, genauso viel CO2-Emissionen zu verursachen wie jeder andere. Was ergibt sich daraus? Zunächst soll die Steigerung der weltweiten CO2-Emissionen angehalten werden. Um das auf gerechte Weise zu bewerkstelligen, werden in feiner Stückelung Rechte zum CO2-Ausstoß (die sog. Mikro-Zertifikate) ausgegeben, und zwar in den ersten sieben Jahren für genau so viel CO2, wie die Menschheit zur Zeit insgesamt pro Jahr in die Luft bläst. Wer CO2 emittieren will, gleichgültig wo, wie und wozu, darf das nur gegen Entwertung einer entsprechenden Anzahl an Mikro-Zertifikaten, sonst macht er sich strafbar. Die Mikro-Zertifikate werden auf einer weltweiten Börse gehandelt; ihr Preis ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. Das Geld, das durch die Versteigerung der Mikro-Zertifikate zusammenkommt, wird in regelmäßigen Abständen und ohne Abzüge an jeden einzelnen Menschen ausgezahlt. Das ist einfach, fair und transparent. In einem weiteren Schritt (nach sieben klimafetten Jahren) sind die weltweiten CO2-Emissionen drastisch zu verringern, und zwar sieben Jahre lang um jeweils 10%.

Zweites Problem: Welche individuellen Pflichten ergeben sich für den einzelnen, solange weltweit kein faires, hinreichend strenges Klimaregime installiert wird? Was sollen wir also tun, falls die Verhandlungen zur Kyoto-Nachfolge scheitern oder nicht weit genug gehen? Namhafte Philosophen haben dafür plädiert, dass wir ohne weltweiten Klimavertrag auch nicht klimabewusst zu leben brauchten; die individuelle Luftverschmutzung könne global vernachlässigt werden. Ich halte diese Position für moralisch verwerflich und plädiere individualethisch für's glatte Gegenteil: Jedermann bei uns muss seinen Kohlenstoff-Dreck selber wegmachen. Frohe Botschaft: Individuell klimaneutral zu agieren, überfordert keinen von uns im reichen Norden.

Olaf Müller studierte Philosophie, Mathematik, Informatik und Ökonomie in Göttingen. Danach folgten Forschungsaufenthalte in Los Angeles, Krakau und Harvard. Seit 2003 hat er den Lehrstuhl für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. 
Publikationen (Auswahl): Veröffentlichungen über Sprachphilosophie (Analytische Sätze, 1998), über eine erkenntnistheoretische Widerlegung des Matrix-Films  (Hilary Putnam und der Abschied vom Skeptizismus, 2003), über metaphysische Spekulation (Metaphysik und semantische Stabilität, 2003) sowie über Moralphilosophie (Moralische Beobachtung, 2008), ferner Aufsätze über John Stuart Mill, Moritz Schlick, Pazifismus, Klimawandel und Freiheit. Demnächst erscheint seine neue Monographie Goethe mit Newton am Prisma. Mehr im Netz unter www.GehirnImTank.de.
Universitätsbibliothek, Holzgartenstr. 16, 70174 Stuttgart
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