Emma Braslavsky reflektiert, warum KI keine Intelligenz ist und weshalb eine Umbenennung der Technologie eigenständiges Denken fördern könnte
Für Emma Braslavsky, deutsche freiberufliche Autorin und Kuratorin, ist der Begriff „künstliche Intelligenz“ irreführend, da er suggeriert, Maschinen verfügten über eigenständiges Denken, Werturteile und Weisheit. Und für sie ist KI keine Intelligenz – zumindest nicht im menschlichen Sinne des Wortes.
KI als autonome Intelligenz zu betrachten, birgt das Risiko, dass Menschen Entscheidungen an ein statistisches System abgeben, anstatt sich weiterhin kritisch mit der Welt auseinanderzusetzen. Für Emma Braslavsky ist diese Unterscheidung von großer Bedeutung. Tatsächlich sieht sie KI als ein probabilistisches System, das menschliches Wissen widerspiegelt und neu kombiniert, ohne es zu verstehen. Deshalb schlägt sie eine neue Bezeichnung vor: Statt von KI zu sprechen, möchte sie die Technologie als „Cognitive Resonance Field (kognitives Resonanzfeld)“ oder „CR“ bezeichnen. Und wenn KI als kognitives Resonanzfeld (CR) verstanden wird, bleibt der Mensch im Zentrum des Denkens. Eine Umbenennung verändert also auch die Art und Weise, wie wir die Technologie begreifen.
In ihrer Keynote auf der „Next Frontiers“-Konferenz beschreibt Braslavsky die Technologie nicht als eine überlegene Intelligenz, vor der sich Menschen fürchten sollten, sondern als ein System, das sich mit menschlichem Denken kombinieren lässt. „Die Gefahr besteht nicht darin, dass Maschinen anfangen, wie Menschen zu denken. Die Gefahr besteht darin, dass Menschen aufhören könnten, selbstständig zu denken“, so Braslavsky.
Unser Denken im historischen Kontext verstehen
Schiffe, Flugzeuge, Computer und Raumfahrt: Im Laufe der Geschichte hat die Menschheit zahlreiche bahnbrechende Technologien hervorgebracht, die unsere Lebensweise grundlegend verändert haben. Keine einzige Erfindung entstand allein aus isolierter Intelligenz. Sie alle sind Produkte menschlicher Vorstellungskraft, von Intuition, Erfahrung und kulturellem Gedächtnis.
Braslavsky beschreibt dies als ökologische Intelligenz. Es ist unsere Fähigkeit, uns in stark vernetzten Systemen zurechtzufinden und diese zu verstehen. Das menschliche Denken wird geprägt von Emotionen. Von der Geschichte. Von Beziehungen. Von Erfahrungen. Ihr zufolge wird all dies durch den Begriff „KI“ zu stark vereinfacht, weil er nicht erfasst, was Intelligenz tatsächlich ausmacht.
Ich habe mit meinem Chatbot gesprochen, also muss es wahr sein
Braslavsky sieht die größte Gefahr nicht in der Technologie selbst, sondern in der Autorität, die Menschen ihr möglicherweise zuschreiben. Die Darstellung von KI als überlegene Intelligenz kann dazu führen, dass Nutzer ihre Antworten automatisch für richtig halten. Da Selbstsicherheit und Geschwindigkeit jedoch keine Garantie für Wahrheit sind, bleibt eine kritische Haltung unverzichtbar.
Wenn die Menschen anfangen zu sagen: „Ich vertraue ChatGPT mehr als meiner Mutter“, warnt Braslavsky vor einer gefährlichen Phase geistiger Abhängigkeit.
Dieses Muster ist nicht neu. Die Geschichte bietet viele Beispiele dafür, wie Menschen Autoritäten blind vertraut und Systeme akzeptiert haben, ohne sie zu hinterfragen. Demokratien entwickelten sich gerade dadurch, dass Menschen lernten, Autoritäten infrage zu stellen, kritisch zu denken und passivem Gehorsam zu widerstehen. Die Gesellschaft sollte darauf achten, alte Fehler nicht in digitaler Form zu wiederholen.
KI als Werkzeug und Resonanzraum menschlichen Denkens
Indem sie die Technologie als „kognitives Resonanzfeld“ bezeichnet, versucht Braslavsky zu beschreiben, was diese Systeme tatsächlich leisten.
- Sie stehen in Resonanz mit menschlichem Denken.
- Sie erweitern die kognitiven Fähigkeiten.
- Sie reagieren auf Ihre Eingabe und generieren Assoziationen auf der Grundlage riesiger Mengen von menschengeschaffenem Material. Doch der Prozess gewinnt erst dann an Bedeutung, wenn Menschen das Denken fortsetzen.
In diesem Sinne fungiert KI weniger als eigenständiger Verstand, sondern vielmehr als Erweiterung: als Werkzeug, das Reflexion, Kreativität und Problemlösung unterstützen kann, ohne das menschliche Bewusstsein zu ersetzen. Die Zukunft der KI hängt davon ab, ob Menschen intellektuell aktive Teilnehmer bleiben – oder zu passiven Konsumenten maschinengenerierter Gewissheiten werden. Die Verantwortung liegt nicht bei der Technologie selbst, sondern bei den Nutzern.
KI mag das menschliche Denken unterstützen. Aber Intelligenz, so betont Braslavsky, bleibt zutiefst menschlich.