Wir stellen uns Zukunft meist als eine Welt mächtiger Algorithmen vor. Doch vielleicht liegt der Schlüssel an einem weitaus unerwarteteren Ort: in den stillen, unsichtbaren Netzwerken der Pilze, die Überleben durch Zusammenarbeit perfektioniert haben.
Wenn wir an die Zukunft denken, kommen uns vermutlich zuerst künstliche Intelligenz oder technologische Durchbrüche in den Sinn. Doch diese Vorstellungen sind nicht allzu weit von unserer Gegenwart entfernt – vielleicht sind wir zukünftigen Lösungen bereits näher, als wir denken. Dirk Brockmann von der Technischen Universität Dresden schlägt einen Ansatz vor, wie die Gesellschaft mit wachsenden globalen Herausforderungen umgehen könnte. Der Physiker wandte sich der Biologie zu und entdeckte seine Faszination für ein komplexes System: Pilze. „Genau wie Pilze kann alles eine Art Ökosystem sein“, sagt er während seines Vortrags auf der Konferenz „Next Frontiers“. Diese Konferenz bietet Expert*innen aller Fachrichtungen, Autor*innen und Illustrator*innen eine Bühne, um kontroverse und zukunftsorientierte Gedanken sowie mögliche Lösungen zu präsentieren. Als Komplexitätsforscher ist Brockmann überzeugt, dass Gesellschaften davon lernen können, wie sich Ökosysteme entwickeln – oder wie ein Pilz überlebt, obwohl er kein eigentliches Lebewesen ist. Er versteht die Natur als Vorbild für Resilienz in einer zunehmend komplexen Welt.
Die Probleme der Welt sind miteinander verbunden
Klimawandel, Pandemien, politische Polarisierung und Desinformation in den sozialen Medien: laut Brockmann sind viele der heutigen Krisen eng miteinander verflochten. Sie entwickeln sich innerhalb globaler Netzwerke aus Mobilität, Kommunikation und menschlicher Interaktion. Traditionelle Denkweisen stoßen bei der Erklärung solcher Systeme häufig an ihre Grenzen, da sie sich zu sehr auf einzelne Ursachen konzentrieren, statt auf die Beziehungen zwischen verschiedenen Elementen. „Damit Innovation entstehen kann, müssen verschiedene Arten zusammenarbeiten“, argumentiert Brockmann – genau wie Pilze. Im Gegensatz zu Unternehmen haben sie keinen CEO, sind aber dennoch in der Lage, sich an veränderte Umgebungen anzupassen, kooperative Beziehungen aufzubauen und ganze Ökosysteme zu erhalten.
Brockmann beschreibt Pilze als „Meister der Biochemie“, die ihre Umgebung ständig erkunden und Verbindungen zu anderen Organismen aufbauen. Ein Beispiel zeigt, wie Zusammenarbeit Innovation in der Natur ermöglicht: Vor rund 600 Millionen Jahren konnten Pflanzen nur deshalb aus dem Wasser an Land gelangen, weil sie Partnerschaften mit Pilzen eingingen. Auch heute noch sind die meisten Landpflanzen mit Pilznetzwerken verbunden. Statt ständig miteinander zu konkurrieren, überleben diese Organismen durch Austausch und gegenseitige Unterstützung.
Was können Gesellschaften von Pilzen lernen?
Dirk Brockmann argumentiert, dass sich dieses Prinzip auch auf menschliche Systeme übertragen lässt. Moderne Gesellschaften stellen Effizienz oft über alles andere. Unternehmen bauen Redundanzen ab, Institutionen spezialisieren sich zunehmend, und Systeme werden auf maximale Leistung optimiert. In stabilen Zeiten kann dieses Prinzip funktionieren. Doch hochoptimierte Systeme können anfällig werden, wenn unerwartete Krisen auftreten – wie die Covid-Pandemie im Jahr 2020 gezeigt hat.
Brockmann verweist auf globale Industrien, die Schwierigkeiten haben, sich schnell an veränderte Märkte und Umbrüche anzupassen, da sie in erster Linie auf Effizienz und nicht auf Flexibilität ausgelegt sind. Die Natur funktioniert anders. Biologische Systeme verfügen oft über Redundanz und Vielfalt. Mehrere Organismen können ähnliche Funktionen übernehmen, wenn ein Teil des Systems ausfällt. Auch wenn dies auf den ersten Blick ineffizient erscheinen mag, erhöht es langfristig die Widerstandsfähigkeit. Brockmann schlägt vor, dass menschliche Organisationen, Städte und sogar politische Systeme in Zukunft ähnliche Prinzipien übernehmen könnten.
Unsichtbarkeit als Stärke
Von Bakterien, die im menschlichen Körper leben, bis hin zu symbiotischen Partnerschaften zwischen Pflanzen und Pilzen – die Natur zeigt immer wieder, dass Zusammenarbeit völlig neue Möglichkeiten eröffnen kann. Diese Sichtweise mag in einer Gesellschaft, die von Leistungsdruck, ständiger Optimierung und individueller Leistung geprägt ist, ungewöhnlich oder sogar unbequem erscheinen. Doch Brockmann ist überzeugt: mehr Zusammenarbeit und Vielfalt können Gesellschaften dabei helfen, inmitten von Unsicherheite anpassungsfähiger und nachhaltiger zu werden.
Natürlich können der Aufbau von Netzwerken und die Zusammenarbeit auch Risiken bergen, wie Brockmann anmerkt. Soziale Medien können beispielsweise sowohl unterstützende Gemeinschaften als auch destruktive Dynamiken gleichzeitig verstärken. Die Herausforderung besteht also nicht einfach darin, mehr Verbindungen zu schaffen, sondern gesündere und widerstandsfähigere aufzubauen. Vielleicht muss nicht jeder wertvolle Beitrag sichtbar sein. Pilze arbeiten unterirdisch, unsichtbar, und Brockmann sieht darin eine Parallele zu sozialen Systemen, die im Stillen und Verborgenen ganze Ökosysteme stützen.
Um eine Grundlage für resilientere moderne Gesellschaften und Systeme zu schaffen könnten wir Menschen versuchen mehr „wie ein Pilz zu denken“: Weg von einer einseitigen Fokussierung auf Effizienz und individuelle Leistung hin zu Neugier, Vielfalt, Anpassungsfähigkeit und gegenseitiger Unterstützung.